Gedanken zum Jahreswechsel 2025/2026
Dr. Elke Kleuren-Schryvers
Frohes, neues Jahr!?
Selten wurde so massiv von Hoffnung und vor allem von der noch solideren Zuversicht in Weihnachtswünschen, Neujahrsbotschaften geschrieben, gesprochen wie zum Ausklang des alten, zum Beginn des neuen Jahres.
Wir Menschen spüren, dass wir an der Abbruchkante unserer Welt leben.
Und dennoch wirkt dieses viele Sprechen von Hoffnung und Zuversicht auch mitunter so, als wolle man sich selbst und uns allen als Zuhörenden eine Art tröstliche 3D-Brille aufziehen, welche dieses Leben an der Abbruchkante unserer Welt in andere, schönere, lebensfrohere Bilder taucht: eine glitzernde, blinkende After-Work-Party, lauter Menschen in bester Feier-Laune, vielleicht ein bisschen glühwein-selig oder eine wunderbare Traumurlaubsidylle an fernen Orten mit Palmen, Sonne, Meeresrauschen …
Alles, alles besser als Resignation, Tristesse, Angst ob der Zukunft unserer Gesellschaft, unserer Welt. So fühlt man es mitunter. Denn wir alle wissen, Hoffnungen können enttäuscht werden.
Wir beginnen uns, auf die eine oder andere Art auseinanderzusetzen oder einzurichten auf dieser Kante über dem Abgrund zwischen Weltkrieg und Erderschöpfung. Wir suchen politischen Konsens, Strategien, sichere Bunker, eine Arche, für den Fall der endgültigen Zerstörung unserer Erde durch uns Menschen selbst.
Das Heilige Jahr in Rom, das am 6. Januar 2026 zu Ende ging, hat diese suchende Dynamik in beeindruckender Weise mit über 30 Millionen Pilger*innen der Hoffnung aufgezeigt. Ebenso die Anteilnahme der Welt am Tod von Papst Franziskus, am Konklave, an der Neuwahl des Papstes. Trotz immer größer werdender Kirchen-Ferne und „Verdunstung des Glaubens“ (Theologin Regina Polak)?
In regionaleren oder lokalen Dimensionen fiel zum Ende des Jahres 2025 auf, dass das adventliche, gemeinschaftliche Singen an vielen Orten – in Fußballstadien, Theatern und auch in Kirchen – zu einem hochfrequentierten und die Menschen offenbar erfüllenden Geschehen wurde. Vielleicht, weil die Texte unserer aktuellen Situation, unseren Gefühlen entsprechen wie kaum je zuvor… Kündet allen in der Not, fasset Mut und habt Vertrauen… Wo bleibst du Trost der ganzen Welt… Oh Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu…
Und noch etwas, so beobachtet es Weihbischof Rolf Lohmann, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Aktion pro Humanität und aktiver Förderer der APH-Projekte in der Welt:
a) immer mehr Menschen suchen neue, andere Wege, sich mit diesem Leben an der Abbruchkante unserer Welt irgendwie zu arrangieren, ohne zu resignieren oder vor Angst zu vergehen.
b) es mehren sich die Menschen, die nach festem Halt suchen in diesem Leben an dieser Abbruchkante unserer Welt. Sie suchen neu, auf eine ganz andere Art, wo und wie sie sich festmachen können. Wie beim Bergsteigen – wo man sich und andere über dem Abgrund einklinken kann, mit solchen massiven, stabilen Karabinern und Seilen, die Halt geben, sichern.
Sie durchschritten millionenfach die Heiligen Pforten, entzünden Lichtermeere von Kerzen an den Wallfahrts- und Pilgerorten unserer Welt. Stehen geduldig wartend in der Schlange, wenn es eine Chance auf einen „Segen to go“ gibt. Und das in einer immer säkularer werdenden Welt. Was will uns das sagen? Möglicherweise eine erste Ahnung von dem, dass doch irgendetwas fehlt, wenn Gott fehlt? In Abwandlung des Buchtitels des Theologen Jan Loffeld.
Mensch-Werdung feierten wir an Weihnachten … damals im Stall von Bethlehem. Mensch-Werdung braucht es heute immer neu… Von und in uns allen. Für alle in unserer Welt. Sehnsucht nach Halt und Frieden über dem Abgrund begleitet uns ins neue Jahr 2026. Und wir haben – Gott sei Dank – einen starken Sicherungshaken oder -ring im Felsen, eine uns vor dem Absturz ins Bodenlose sichernde, wunderbare Botschaft: Gott ist an unserer Seite, der, weil er Mensch wurde wie wir, uns nicht verloren gibt. Ein Erdling, wie wir, war dieser Jesus von Nazareth. Über jedem Abgrund, in jeder Wüste unseres Lebens ist er so mit uns. Er fühlt wie wir, kann unsere Gedanken, Emotionen nachvollziehen. Mitten unter uns Menschen bleibt er uns nah. Wir könnten also glauben, vertrauen, dass wir nicht verloren sind. Gleich wie sehr wir an der Abbruchkante unserer gegenwärtigen Welt leben. Gleich wie viele Fragen wir an IHN haben… Wir haben einen Grund zu hoffen, können uns ein frohes, neues Jahr wünschen.
Der weihnachtliche Gedanke, dass Gott als Mensch zu den Menschen kommt, birgt irgendwie das vertrauende Empfinden, dass wir als seine Geschöpfe zwar nur kleine Partikelchen in dem von ihm geschaffenen Universum sind, doch wir sind SEINE Kreaturen, von ihm geschaffen. Jede, jeder von uns Milliarden Menschen in seiner/ihrer je eigenen und umfassenden Individualität. Genial. Der Gedanke von Weihnachten gibt so jedem Menschen die gleiche Würde – unabhängig von Kultur, Nationalität, Religion, krank oder gesund, gebildet oder ohne Chance aus Bildung etc. In dieser Erkenntnis darf sich einfach keine/r mehr über den/die andere/n erheben. Miteinander ist das Obligo und konkreter Auftrag an uns Menschen.
Die Gedanken eines des bedeutendsten Kirchenmusikers unserer Zeit, Gregor Linssen, gehen noch weiter: „was aber (neben dem Gedanken von Weihnachten) den Wert gemeinsamer weihnachtlicher Tradition deutlich macht, ist die wahre Geschichte des Weihnachtsfrieden von 1914, als die Soldaten durch die Melodie des „Stille Nacht, Heilige Nacht“, die aus dem gegnerischen Schützengraben erklang, ihr Gleichsein begriffen und die Waffenhandlungen einstellten. Es ist ein Beispiel für die Kraft einer Tradition, die möglichst alle Menschen kennen und verstehen“ Daran, so schreibt er uns, musste er denken, als er das Lied in der Weihnachtsnacht sang.
Ich dachte an Bischof Maksym in der Ukraine. Wo war er wohl jetzt? Welchen Menschen versuchte er in der Unruhe und Angst des Zugehens auf die vierte Kriegsweihnacht Trost zu geben? Wie vermittelt er diese Hoffnung, diese Zuversicht, wenn die Drohnen einem um die Ohren fliegen – im Wortsinne. Was wir an Weihnachten gefeiert haben, will das ganze Jahr bestimmen, das ganze Leben. Diese Menschenfreundlichkeit Gottes. So kann denn der Wunsch „Frohes neues Jahr!“ nicht eine hohle Wunschorgie, eine floskelhafte Redensart in der Silvesternacht bleiben, sondern eine wirkliche spirituelle Tiefenschärfe bekommen….
Denn die Geburt Jesu und seine Geschichte sind nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Diese göttliche Herkunft ist uns nicht mehr zu nehmen, das prägt den Blick in unsere Zukunft. Hoffnungsvoll. Es gibt das Bild einer beeindruckenden, mittelalterlichen Krippendarstellung, in der Josef, scheinbar unbeachtet auf den ersten Blick, seinen Heiligenschein abgelegt hat und unter das Christkind in die eiskalte Krippe gelegt hat, auf dass er das Neugeborene erwärme. Genau so können auch wir zukünftig handeln: unseren Nimbus ablegen, um andere zu wärmen in unserer Welt, in unserer Kirche. Hier bei uns oder in der weiten Welt. Gleich wie nah wir selbst an der Abbruchkante leben.
Wie sagte es Bischof Maksym aus Saporischschja: „Unsere Kirchen sind Wärmestuben für die Menschen.“ Hier ist man zusammen, teilt Angst und Trauer mit anderen. Hier erwärmt man sich. Man übernimmt Aufgaben. Essen wird zubereitet für die Mütter mit den Kindern in den U-Bahnschächten, für die alten Menschen, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können oder wollen… Und: In der Angst des Krieges, über dem Abgrund sozusagen, kommt es darauf an, wohin die Seele zu blicken vermag… Wo sie Halt und Trost findet. Menschen wie er ermutigen uns enorm. Geben den Menschen vor Ort im Krieg Hoffnung, jedoch auch uns.
Pater Jacques Mourad wurde aus seinem Kloster Mar Elian im Bistum Homs 2015 vom IS entführt und befand sich fünf Monate in dessen Geiselhaft. Er kehrte dorthin zurück, zu seinen Menschen, um seine Mission des gewaltfreien Dialogs zwischen Christen und Muslimen fortzusetzen. Mehr noch: Er stimmt zu, als er zum Erzbischof von Homs ernannt wurde und damit noch mehr Verantwortung für die Menschen in dieser Region, in der entführt wurde, übernahm. Hoffnungsträger. Dr. Fehmi und sein Team auf der mobilen medizinischen Praxis in der syrischen Wüste, die jeden Tag 30 oder mehr Menschen medizinische Basisversorgung bringen, wo es sonst nichts gäbe. Sie sind Hoffnungsboten!
Dr. Worou, der Gynäkologe des APH-Hospitales im westafrikanischen Benin übernimmt in diesem Sommer, in einer absolut schweren Situation für das Armen-Hospital die Verantwortung als medizinischer Direktor – Hoffnungsträger!
Erzbischof Laurent Lompo, der im fortgesetzt terrorisierten Sahel an der Seite der Menschen steht, Hilfe, Nahrung Medikamente, Schulbildung, sauberes Wasser, Hütten für die Geflüchteten organisiert. Sich unermüdlich und überzeugt für den Dialog und gegen die Gewalt engagiert. Valerie, die Kinderschwester im Team des Bistums Niamey, vor Ort in Makalondi, ganz nah an den Terrorzellen der Region, geht unbeirrt ihren Weg, für unterernährte Kinder und Mütter zu sorgen. Auch wenn ihr die kleine Kevelaerer Schutzmantel-Madonna, die ihr von Weihbischof Rolf Lohmann geschenkt anl. seines letzten Besuchs im Niger – jede Nacht unter ihrem Kopfkissen Kraft und Mut geben muss. Hoffnungsbotin!
Michael Aivaliotis, Direktor der Flüchtlingsselbsthilfe-Organisation Stand-by-me-Lesvos, ist seit Jahren unermüdlich bemüht, den von der Flucht traumatisierten Kindern in seiner Academy wieder das Spielen, Musizieren, Lernen beizubringen… Hoffnungsträger!
Menschen hier am Niederrhein, die uns seit 30 Jahren unermüdlich oder auch ganz neu, unterstützen, damit all diese Hoffnungsträger wirken können. Unerschütterliche Hoffnung-Gebende!
Der Gedanke von Weihnachten – Mensch-Werdung- ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
„Und leben wir vom Ursprung her, bedrückt uns keine Zukunft mehr!“
Frohes, neues Jahr!


Von links: Dr. Christian Kutschmann, Judith Welbers, Werner van Briel, Theo Kröll, Angelika Fedke, Jochen Koenen. Weitere Kuratoriumsmitglieder sind Weihbischof Rolf Lohmann, Dr. Barbara Hendricks, Bernd Zevens, Prof. Dr. Reiner Körfer, Christoph Moeders.